Liebe Leserin, lieber Leser!

„Die Würde des Menschen ist unantastbar.“

Dieser erste Satz des Artikels 1 des Grundgesetzes wurde in letzter Zeit immer wieder einmal in Erinnerung gerufen von Juristen, Politikern und Journalisten, nachdem in unserem Land lautstark menschenverachtende Äußerungen getätigt wurden. Da wurde von Menschen als „Monstern“ gesprochen, von denen man glaubt, man könne sie per Federstrich und Staatsgewalt einfach mal so außer Landes bringen. Dabei steht doch außer Frage, dass jene, die anderen das Leben nehmen, die Würde dieser anderen in unwiedergutmachbarer Weise verletzt haben und bestraft werden müssen! Und doch – auch Täter verlieren nicht ihre Menschenwürde, ob uns das nun gefällt oder nicht.


Unter Würde verstehen wir etwas Unveräußerliches. Etwas, das nicht zur Disposition steht. Ganz gleich, wie alt oder jung, gesund oder krank, klug oder weniger klug, gebildet oder weniger gebildet, hell- oder dunkelhäutig ein Mensch ist, Würde ist jedem eigen. Wir haben gelernt, das zu respektieren. Und wir haben es in unsere Verfassung aufgenommen, um für alle, die sich in Deutschland aufhalten, Sicherheit für ihre Person zu garantieren. Aber auch, um allen hier lebenden Menschen diesen Respekt ihrerseits abverlangen zu können.

Warum ich so einsetze? Nun, auch Christen leben nicht irgendwo außerhalb der Gesellschaft; als Staatsbürgerinnen und -bürger tragen sie eine Mitverantwortung für das Zusammenleben. Unser Grundgesetz ist insbesondere von christlichen Werten geprägt – ohne die Religionsfreiheit ganz allgemein in Abrede zu stellen.

Im April feiern wir dieses Jahr Ostern. Vor Ostern wird im Kirchenjahr des Kreuzestodes Jesu und der Ereignisse, die dahinführten, gedacht. Die Passion, das Leiden  Jesu, wurde sehr prägend für die christlichen Kirchen. Am Ende ist ein Folterwerkzeug: das Kreuz, zum Zeichen des Christentums geworden…

Was als Anklage gegen die Grausamkeit, zu der Menschen fähig waren/sind, gedeutet werden könnte, wird zum Hinweis auf die Demut des wahren Menschen. Was als Gegenstand der Menschenverachtung gedeutet werden könnte, wird als Mittel der Versöhnung Gottes mit den Menschen ausgemacht.

Das ist problematisch, zu allererst wegen des Gottesbildes, das sich dahinter verbirgt. Wäre es nicht besser, an den Jesus zu erinnern, der sich für die Würde von Menschen eingesetzt und damit zum Anwalt der Menschlichkeit gemacht hat? Wenn ich das Kreuz in der Lukaskirche ansehe, denke ich nicht daran, durch den Tod eines anderen Sühne, also Schuldbefreiung, zu erfahren. Mir tut er leid, wie er da so hängt, und ich betrachte immer wieder das mir zugewandte Ohr.

Im Mai feiern wir Konfirmation. Die Jugendlichen, die sich dieses Jahr konfirmieren lassen, freuen sich auf ihren großen Tag, an dem auch ihnen ein Stück mehr Verantwortung zuwächst. Vorher haben sie sich regelmäßig zu Konfirmandentagen getroffen und nicht zuletzt etwas gelernt und erfahren über die unantastbare Würde des Menschen. Wir möchten ihnen eine Zukunft im Bewusstsein für den hohen Wert der Würde wünschen, die letztlich auch das erhält, was wohl alle am meisten begehren: Frieden in Freiheit.

Ihre Susanna Arnold-Geißendörfer